
Albert Schweitzer (1875-
Ev. Theologe, Mediziner, Philosoph und Musiker
Ein Tag in den Tropen Afrikas vor ungefähr 70 Jahren: Das Klima ist heiß und feucht, eine stickige Schwüle liegt über der Landschaft. Nur Europäer mit robuster Gesundheit können hier für längere Zeit leben und arbeiten. Jetzt, gegen Ende der Regenzeit, muss man nachts mit Überfällen von Wanderameisen rechnen. Diese Insekten sind größer als unsere Waldameisen. Sie kriechen an den Beinen hinauf und beißen sich im Fleisch fest. Man muss sie einzeln mit der Pinzette aus der Haut herausziehen. Auch Moskitos und Stechfliegen machen das Leben zur Plage. Wir sind im Westen Zentral-Afrikas, genauer gesagt in Gabun, das bis 1960 eine französische Kolonie war. Der Blick gleitet über den Fluss Ogowe, in dem es von Nilpferden und Krokodilen wimmelt, hin zu dem tiefen tropischen Regenwald, in dem Gorillas und andere wilde Tiere leben. Wir sind in Lambarene, einer Insel mitten in diesem riesigen Fluss Ogowe. Ein Mann tritt ins Bild. Auf seinem dichten, dicken Haar, das er kaum jemals bürstet, sitzt der weiße Tropenhelm. Er trägt eine uralte, ausgebeulte Hose, deren Taschen mit Briefen vollgestopft sind. Sein Hemd ist mehrfach geflickt. Er hat einen dichten Schnurrbart, der ebenso ungekämmt ist wie sein Haar. Das ist Albert Schweitzer. Er ist auf dem Weg zu seinem Krankenhaus. Die Eingeborenen, die auf ihn warten, haben zum Teil über 300 km zurückgelegt, um ihre Kranken zu diesem Arzt zu bringen.
Wer war dieser Mann, der seine Karriere in Europa aufgab, um den Menschen in Afrika als Arzt zu helfen? Am 14. Januar 1875 wurde Albert Schweitzer in Kaiserberg im Elsass an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich geboren. Das Elsass ist heute ein Teil von Frankreich, aber 1875 gehörte es zu Deutschland. Albert Schweitzer war der älteste Sohn eines Pfarrers. Sein Vater vermittelte ihm die Liebe zur Musik und den christlichen Glauben. Albert Schweitzer hatte eine glückliche Kindheit. "Aber auf die Schulzeit hatte ich mich nicht gefreut. Als mein Vater mir zum ersten Mal die Schiefertafel unter den Arm gab und mich zur Lehrerin führte, weinte ich den ganzen Tag lang. Ich ahnte, dass es mit dem Träumen und der herrlichen Freizeit zu Ende sei." In einer für uns heute unglaublich kurzen Zeit schloss er sein Studium der Theologie ab. Das war 1898. Ein Jahr später bestand er seine Doktorprüfung in Philosophie. Zu seinen außergewöhnlichen Begabungen gehörte auch sein musikalisches Talent. Seine Konzerte mit Orgelwerken von Johann Sebastian Bach waren berühmt. Später, als er schon längst der bekannte "Urwalddoktor" war, hat er bei seinen Europabesuchen Konzerte gegeben und die Einnahmen für sein Urwaldkrankenhaus verwendet.
1905 gab Albert Schweitzer seinem Leben eine neue Richtung. Er hatte einen Artikel über Afrika gelesen, über die große Not dort in der französischen Kolonie und wie dringend Ärzte gebraucht werden. Jetzt wusste er, wo sein Platz im Leben war. Schon lange hatte er sich vorgenommen, aus Dankbarkeit für sein erfülltes Leben anderen Menschen zu dienen. Also wurde Albert Schweitzer wieder Student, diesmal der Medizin. Das Geld für sein Krankenhaus erbettelte er sich von Freunden, er gab Konzerte, auch sein Buch über Bach verkaufte sich gut. 1912 heiratete er Helene Bresslau. Sie war bereit, mit ihm nach Afrika zu gehen und hatte sich deshalb zur Krankenschwester ausbilden lassen. 1913 begann die Reise nach Afrika. In 70 Kisten war alles verstaut, was man dringend zum Aufbau eines Krankenhauses in Afrika brauchte. Die Not der Menschen in Afrika war unbeschreiblich. Sie litten nicht nur an Tropenkrankheiten wie Malaria oder Schlafkrankheit, sondern auch an allen eingeschleppten Krankheiten. Doch der Anfang war für das Ehepaar Schweitzer nicht leicht. Das erste Krankenhaus war ein umgebauter Hühnerstall. Die Verständigung mit den Einheimischen klappte nicht. Zum Glück befand sich unter den ersten Patienten ein intelligenter junger Mann namens Joseph, der Französisch sprach. Aber Joseph war Koch! Und so fielen die Übersetzungen etwas merkwürdig aus: "Diese Frau hat Schmerzen in den oberen linken Koteletts und im Filet." Oder er sagte: "Dieser Mann hat Weh im rechten Schinken." Die Menschen in Zentralafrika lebten auch in ständiger Angst vor Verzauberungen und unsichtbaren Mächten. So ist es nicht verwunderlich, dass sie Schweitzer für einen Fetischmann hielten, der einen großen Zauber machen könne.
Ganz starker Zauber war für sie die Vollnarkose. "Erst tötet der Doktor den Kranken", erzählten sie, "dann heilt er sie, und dann weckt er sie wieder auf." Der Strom der Patienten riss nicht ab. Da die Kranken von ihren Verwandten begleitet wurden, musste auch für sie eine Unterkunft gebaut werden. Schweitzer begann mit dem Bau eines Krankenhauses. Der Bauplatz war gerodet, Baumaterial war vorhanden, doch es fehlte an Arbeitskräften. Nach dem Motto: "Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen" mussten die Leichtkranken und die Genesenden ebenso arbeiten wie die Besucher. Es entstand ein afrikanisches Krankenhaus. Es war kein europäisches Gebäude mit sonderbaren Betten und Maschinen, vor denen die Einheimischen Angst hatten. Es gab keine Krankenstationen, sondern lang gestreckte Hütten mit Bettstellen. Die meisten Patienten wurden von ihren Angehörigen gepflegt, die auch das Essen selbst zubereiteten.
Nicht darf es für dich heißen:
Wie erkläre ich die Ereignisse, die mir begegnen,
sondern:
Was mache ich aus ihnen?
Viele Ärzte und Krankenschwestern aus aller Welt folgten Albert Schweitzer nach Afrika.
© 2008 ASR